Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL)

 

Honorare

Was ist ein angemessenes Honorar für ein professionelles Lektorat?

Berufsanfänger, aber auch manche erfahrenen Verlagslektoren, die den Sprung in die Selbstständigkeit wagen, sind sich bei der Antwort oft unsicher. Folgende unverbindliche Überlegungen sollen Orientierungshilfe geben und zu eigenen Berechnungen anregen. Auch (Neu-)Kunden, die mit der Honorarkalkulation von Freiberuflern nicht vertraut sind, erhalten hier einen Einblick in unsere Preisfindungsmethoden.

Kalkulation und Kostentransparenz

Erfahrene Selbstständige kennen das: Im Angestelltenverhältnis stehende Kunden vergleichen häufig ihr stündliches Gehalt mit den Stundensätzen Selbstständiger. Auch Berufsanfänger verschätzen sich hier nur allzu oft. Bei einem Vergleich des Stundensatzes Selbstständiger mit dem Stundenlohn von Arbeitnehmern sind zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen:


Beispiel: Honorarsatz x EUR/Stunde

abzüglich: unbezahlter Urlaub
abzüglich: unbezahlte Krankheitstage
abzüglich: unbezahlte Feiertage
abzüglich: unbezahlte Leerlaufzeiten bei schlechter Auftragslage¹
abzüglich: unbezahlte Leerlaufzeiten wegen Verzögerungen bei Kunden, Setzern, Grafikern etc.
abzüglich: unbezahlte Arbeitsstunden, zum Beispiel:
– Akquise (Messebesuche, Erstellung und Aktualisierung Werbematerial usw.),
– Administration (Buchhaltung, Rechnungs- und Mahnwesen, unter Umständen juristische Auseinandersetzungen etc.) 
abzüglich: Betriebsausgaben (Werbung, Bürokosten, Weiterbildung, Fachliteratur, Messen und Konferenzen etc.)
abzüglich: nicht verpflichtende, aber häufig sinnvolle berufsbedingte Versicherungen – je nach Ausmaß der Absicherung gegen Altersarmut, Berufsunfähigkeit oder Vermögensschäden

Zwischenergebnis: y EUR/Stunde vor Steuern und Abgaben


So kann es leicht passieren – und dies ist durch viele Erfahrungswerte bestätigt – dass vom ursprünglichen Stundensatz nur ein Drittel effektives, langfristiges Einkommen pro Stunde übrigbleibt², das dann mit dem Brutto-Stundenlohn eines abhängig Beschäftigten verglichen werden kann. Erst hieraus lässt sich das Nettoeinkommen berechnen:


abzüglich:  Beiträge für Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung (Künstlersozialkasse³ : ca. 19 % des Arbeitseinkommens, private Absicherung: etwa 38 %)
abzüglich:  Einkommensteuer, Solidaritätszuschlag, evtl. Kirchensteuer

Ergebnis: z EUR/Stunde

 

Bei Umsatzsteuerpflicht muss diese in der gültigen Höhe (19 %) zusätzlich berechnet und abgeführt werden. (Profis unterliegen dieser Pflicht eigentlich immer; die sogenannte Kleinunternehmerregelung erlaubt praktisch kein hauptberufliches Einkommen.)


 

¹Nach Auffassung des Bundeswirtschaftsministeriums sollten „Leerlaufzeiten bei schlechter Auftragslage“ in die Kalkulation einbezogen werden. Erfahrungsgemäß ist der Wechsel Akquise – Auftrag – Leerlauf und neue Akquise – Auftrag für freie Lektoren generell typisch und betrifft nicht nur Anfänger. Die Kalkulation muss dies berücksichtigen, sonst ist sie nicht nachhaltig.

² Hierbei handelt es sich lediglich um eine Beispielrechnung. Selbstverständlich müssen Lektorinnen und Lektoren – wie alle Selbstständigen – ihr individuelles Leistungsprofil sowie ihre persönlichen Erfahrungswerte bei Betriebsausgaben und unbezahlten Arbeiten berücksichtigen.

³ Lektor ist ein Beruf, der im Allgemeinen der Versicherungspflicht nach dem KSVG unterliegt. Da jedoch einige auch von Lektoren ausgeübte Tätigkeiten (Korrektorate, unter Umständen Wissenschaftslektorate) von der KSK regelmäßig nicht anerkannt werden, bedeutet dies häufig, dass Lektoren trotz vorangegangener Aufwendungen für Werbung etc. Aufträge ablehnen müssen, um nicht ihren Versicherungsschutz zu verlieren. Anderenfalls ist eine private Absicherung erforderlich, für die entsprechend hohe Summen kalkuliert werden müssen.

Kalkulationsgrundlage

Angemessene Honorarpauschalen lassen sich in der Regel anhand einiger typischer Seiten abschätzen. Stellt sich im Verlauf der Arbeit heraus, dass zusätzliche, nicht in die Kalkulation einbezogene Leistungen erforderlich sind oder dass der Text insgesamt von schlechterer Qualität ist als die Probeseiten, so empfehlen wir im beiderseitigen Interesse, umgehend nachzuverhandeln.

 

Stundenhonorare in der Praxis

Für alle gängigen Arbeiten wie Erstredaktion oder Korrektorat, Entwurf von Klappentexten oder Erstellen von Gutachten ist die Vereinbarung von Stundenhonoraren sinnvoll. In der Praxis sind jedoch viele Nebeneffekte zu berücksichtigen.

Beispiel 1:
Eine Lektorin vereinbart mit einem Kunden das Lektorat eines Sachbuchs zu einer Pauschale, die für 50 Arbeitsstunden berechnet ist. Im Verlauf der Bearbeitung stellt sich heraus, dass der Autor viele veraltete Informationen verwendet hat, was umfangreiche Nachrecherchen erforderlich macht. Lektorin und Kunde vereinbaren zusätzliche 20 Stunden. Am Ende benötigt die Lektorin knapp 90 Stunden. Ohne erneute Nachverhandlung ergäbe sich somit ein entsprechend geringerer Stundensatz.

Beispiel 2:
Ein Lektor vereinbart mit drei unterschiedlichen Kunden aus der Industrie das Lektorat von jeweils einer Werbebroschüre zu einem Stundensatz in marktüblicher Höhe. Wegen der kurzfristigen Lieferung und Verzögerungen in den zuständigen Abteilungen zweier der drei Unternehmen kommt es zu Leerläufen. Der Stundensatz sinkt im Endeffekt entsprechend deutlich. Danach ist der Lektor mehrere Wochen ohne Auftrag und Honorar, bevor seine Akquise wieder erfolgreich ist.

Seiten- und Zeichenhonorare

Eine Normseite umfasst maximal 30 Zeilen à 60 Anschläge, was – je nach Textgattung – etwa 1500 bis 1650 Zeichen inklusive Leerzeichen entspricht. Für die Berechnung von Projektpreisen aus Seitenhonoraren ist natürlich entscheidend, wie viele Seiten der Lektor pro Stunde bearbeiten kann, und zwar über einen längeren Zeitraum, nicht nur kurzfristig „im Akkord“. Eine Bearbeitung von mehr als zehn Normseiten pro Stunde ist erfahrungsgemäß kaum möglich, zumindest nicht in professioneller Qualität. Bei anspruchsvollen Aufgaben können es auch mal nur zwei Seiten sein.


Bei Texten, die einen hohen Bearbeitungsaufwand mit sich bringen, verlangen erfahrene Lektoren häufig deutlich mehr. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn Manuskripte weitgehend umgeschrieben werden müssen, aber auch, wenn – wie insbesondere im Werbelektorat häufig gewünscht – eine Korrektur besonders gründlich erfolgen soll.

Andererseits kommt es in der Praxis in manchen Fällen zu niedrigen Seitenhonoraren, etwa weil Kunden sparen wollen und zugleich vor allem unerfahrene Lektoren versuchen, an Aufträge zu kommen. Eine nachhaltige Lösung ist dies jedoch in aller Regel weder für Auftraggeber noch -nehmer: Der Lektor verfängt sich in einer Niedrigpreisspirale, der Kunde erhält nicht selten eine unprofessionelle Leistung.

Auftraggeber fragen bisweilen, welche Seitenhonorare sie zahlen sollten, wenn sie eine seriöse Bearbeitung erreichen wollen. Wegen der unterschiedlichen Voraussetzungen bei verschiedenen Aufträgen ist die Angabe von Mindest- oder Höchstsätzen indessen nicht möglich. Generell gilt jedoch, was erfahrene Kunden wissen: Im Lektorat hat – wie bei allen Dienstleistungen – Qualität ihren Preis.

Stand: September 2012