Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL)

 

Denksport statt Bettlektüre

Mark Twain hegte zeitlebens eine Hassliebe für die deutsche Sprache. Er liebte ihre Tiefgründigkeit und Ausdrucksstärke – und hasste ihre Grammatik. Ellenlange Wortzusammensetzungen und Bandwurmsätze mit Verbklammer brachten ihn an den Rand der Verzweiflung, wie sein tragikomischer Essay Die schreckliche deutsche Sprache belegt. Auch das Genussystem machte ihm zu schaffen: „Jedes Substantiv hat ein Geschlecht, und in dessen Verteilung liegt kein Sinn und kein System [...] Pferde haben kein Geschlecht, Hunde sind männlich, Katzen sind weiblich“, klagte Twain.

Doch Twains ungesunder Menschenverstand irrt wie unser aller, in der Tradition des griechischen Philosophen Protagoras’, auf den die Genusbezeichnungen zurückgehen. Die Vorstellung, die grammatischen Kategorien seien eine Abbildung natürlicher Kategorien (Maskulina = männliche Lebewesen, Feminina = weibliche Lebewesen, Neutra = unbelebte Dinge) und die undeutsche Unordnung im Deutschen läge am Niedergang eines ehedem ordentlichen Systems, ist ein Hirngespinst. Das jedenfalls ist die Ausgangsthese von Daniel Scholten – vielen durch das Webmagazin und den Podcast Belles Lettres bekannt – in seinem Buch Denksport Deutsch. Zum Beweis nimmt Scholten den Leser mit auf eine Zeitreise vom Neuhochdeutschen zum Urindogermanischen, wie es vor über 5000 Jahren gesprochen wurde und ein Genussystem entwickelte. Die drei Genera sind freilich nicht gleichzeitig entstanden, ein Goldenes Zeitalter existierte nicht. Ursprünglich gab es nur das unspezifische Standardgenus (Maskulinum), zu dem sich dann eine spezielle Deklinationsklasse von abstrakten Wörter gesellte, die das Ergebnis oder den Gegenstand von Handlungen bezeichneten (Neutrum). Aus deren Pluralform für Einzelfälle entwickelte sich schließlich eine dritte, noch stärker abstrahierende Deklinationsklasse für Kollektivplurale (Femininum). Einen wichtigen Beitrag zur Rekonstruktion dieser Abfolge lieferte die Entdeckung des Hethitischen, das nur zwei Genera kannte und in dem Frauennamen die „maskuline“ Endung aufwiesen.

Das Maskulinum unspezifisch, das Femininum spezifisch – damit und unter Rückgriff auf das morphologische Ikonizitätsprinzip argumentiert Scholten gegen die gängige Doppelform der gendergerechten Sprache. Bürger beispielsweise sei als Maskulinum unspezifisch und umfasse Männer wie Frauen. Bürgerinnen hingegen bezeichne eine Teilmenge der Bürger, eben die weiblichen. Die Rede von Bürgerinnen und Bürgern sei daher nicht korrekt, weil das Spezifische dem Allgemeinen vorausgehe. Grammatisch akzeptabel sei lediglich Bürger und Bürgerinnen, in Sinne von Bürger, unter besonderer Berücksichtigung der weiblichen Bürger.

Nach dem gleichen Muster – Wiedergabe einer populären Meinung, Entfaltung einer sprachhistorisch begründeten Gegenposition und anschließende exkursorische Betrachtungen – sind auch die anderen drei Kapitel konzipiert. Im zweiten Kapitel setzt sich Scholten mit Stilregeln auseinander: „Mir ist keine Stilregel bekannt, die einer Überprüfung standhielte. Sie gründen ohne Ausnahme auf Irrtümern“, lautet sein Verdikt. Er widerlegt Bastian Sicks Behauptung, dass der Dativ den Genitiv verdränge, indem er dessen Paradebeispiel (meinetwegen vs. wegen mir) zerlegt. Tatsächlich handelt es sich bei meinetwegen um einen Dativ. Auch andere Regeln wie die Schreibweise von Zahlen als Wörter (eins bis zwölf) und Ziffern (ab 13) werden kritisch hinterfragt. Abschließend setzt sich der Autor mit stilistischen Attitüden und Auswüchsen auseinander: Schnösel-, Power- und Zombiedeutsch. Ihnen stellt er seine Ratschläge für gutes Deutsch – schönes Deutsch – hervorragendes Deutsch entgegen.

Das dritte Kapitel ist dem Konjunktiv gewidmet. Ausgehend von einem Grammatiklehrbuch (Konjunktiv als Möglichkeitsform) führt Scholten aus, dass der Konjunktiv mitnichten Möglichkeiten darstellen könne. Die Lateingrammatik sei hier, wie auch anderweitig, dem Neuhochdeutschen übergestülpt worden. Konjunktiv I und II seien zwei funktional verschiedene grammatische Zeichen; der Obliquus drücke innerliche Abhängigkeit aus (Er denkt/sagt/fühlt, dass es so sei), der Irrealis Unwirklichkeit (Sie tat, als ob es so wäre). Lediglich eine formale Übereinstimmung gebe es; entspreche der Obliquus der Präteritumsform, würde zur Vermeidung dieser Doppeldeutigkeit der Irrealis verwendet. Weiterhin thematisiert Scholten, anknüpfend an die indirekte Rede, Zitierweisen und den Gebrauch von Anführungszeichen.

Im vierten Kapitel schließlich geht es um die Zukunft der deutschen Sprache, ihren oft befürchteten Nieder- oder Untergang durch Überfremdung. Grundlose Befürchtungen, meint Scholten, unsere Sprache sei seit über 1200 Jahren darauf optimiert, Fremdwörter zu integrieren. Viele Anglizismen bereicherten vielmehr das Deutsche. Falsche Freunde indes stellen tatsächlich ein perfides Problem dar. Dies verdeutlicht Scholten an dem Anglizismus Sinn machen. Er zeigt, dass weder machen make noch Sinn sense semantisch entspricht. Das vermeintliche Verschwinden der starken Verben zieht Scholten als zweites Beispiel für eine Fehleinschätzung beim Sprachwandel heran. Starke Verben seien schon immer gering an Zahl gewesen und viel robuster als behauptet.

Scholten weiß als Sprachwissenschaftler und Ägyptologe, wovon er schreibt – im Unterschied zu manchen Journalisten, die sich über die deutsche Sprache und ihre Entwicklung auslassen. Das Werk ist unterhaltsam und amüsant geschrieben, aber auch anspruchsvoll. Es eignet sich nicht als Bettlektüre, man muss sich konzentrieren und mitdenken, eben Denksport treiben. Nicht nur, weil die Materie oft vertrackt ist, sondern auch wegen der Assoziationsketten und Exkursionen, die ihren medialen Ursprung nicht verhehlen können. Neben Mitdenken ist Nachdenken angesagt. Scholten spricht Klartext, spitzt zu, manchmal zu sehr. Dann mangelt es an Differenzierung, die bei Themen wie gendergerechte Sprache, Stilregeln oder Anglizismen durchaus angezeigt wäre. Aber er regt an, sich bewusster und fundierter mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Und das ist für alle Sprachinteressierten zweifellos eine enorme Bereicherung.

Scholten, Daniel: Denksport Deutsch: Wer hat bloß die Gabel zur Frau und den Löffel zum Mann gemacht? München: dtv, 2016. 336 Seiten, Broschur, 17,90 Euro, ISBN 978-3-423-26134-0; E-Book: 14,99, ISBN 978-3-423-43067-8

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