Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL)

 

Setzer- und Lektoratswissen alltagstauglich verknüpft

Früher lag das typografische Wissen buchstäblich in der Hand des Schriftsetzers – in seinen Setzkästen mit Zigtausenden von Bleilettern und Spatien. Er kannte Funktion und Wirkung jeder Schriftart, jedes Schriftgrades, jedes Schriftschnittes und jedes Zeichens an und für sich – bis hin zum Leerzeichen. Er wusste, wie er das Lesen als physischen Vorgang zurücktreten lässt und ganz in den Dienst des Inhalts stellt. Oder wie er das „Kleingedruckte“ produziert, das selbst Interessierte in die Flucht schlägt.

Im Zuge der Digitalisierung gerät dieses handwerkliche Spezialwissen immer mehr in Vergessenheit, denn es wird bei der Ausbildung zum Beruf „Mediengestalter/-in für Digital- und Printmedien“, in dem unter anderem der Schriftsetzer aufgegangen ist, nicht mehr umfassend gelehrt.

Wer kümmert sich jetzt um die Lesbarkeit und kann beurteilen, ob die jeweilige Textgestaltung wirklich zu einem gleichmäßigen und störungsfreien Lesefluss führt? Ob Schriftschnitte sinnvoll eingesetzt sind und beispielsweise alle Gedanken-, Koppel-, Bis- oder Trennstriche die richtige Länge haben? Wer kennt sich aus, wenn es um Apostrophe, Anführungszeichen und Auslassungspunkte geht? Um die formale wie inhaltliche Richtigkeit von Sonder- und Begriffszeichen, um notwendige oder völlig überflüssige Leerzeichen?

Natürlich freie Lektorinnen und Lektoren. Immer öfter gehört zu einem Korrektur- oder Lektoratsauftrag nicht nur die Überprüfung von Rechtschreibung und Zeichensetzung, sondern auch die der Mikrotypografie. Und solange es keine Berufsausbildung für das freie Lektorat gibt, bleibt uns nur: weiterbilden in Seminaren und mit Büchern.

Der Schweizer Typograf und Mediendesigner Ralf Turtschi ist gelernter Schriftsetzer. Sein umfassendes Wissen über Typografie und Zeichensetzung präsentiert er in seinem Buch Zeichen setzen! Satz-, Begriffs- und Sonderzeichen richtig einsetzen auf eine Weise, dass es praktisch anwendbar wird. Damit schließt er eine Lücke im Regal, denn es gibt kaum Bücher, die das ursprüngliche Setzerwissen weitergeben – schon gar nicht für Lektorinnen, Lektoren und andere Textarbeiter für den schnellen Zugriff, also brauchbar aufbereitet.

In fünf Kapiteln widmet sich Ralf Turtschi den Zeichen im Detail – von Apostroph bis Zollzeichen – der praktischen Anwendung, den Fremdsprachen Englisch, Französisch und Italienisch sowie technischen Aspekten rund um Tastatureinstellungen, Zeichenbelegungen und Schriften.

Zeichen setzen erschien ursprünglich für die Schweiz. An der Ausgabe für Deutschland und Österreich haben drei Mitglieder des Lektorenverbands mitgewirkt, deren Schwerpunkt die orthotypografische Textbehandlung ist. Das macht sich deutlich bemerkbar und unterstützt Turtschis pragmatisch-lektorenfreundliche Entschiedenheit in der Aussage, was korrekt, was falsch oder bei mehreren Möglichkeiten empfehlenswert ist. Setzerwissen und Lektoratswissen sind ausgesprochen alltagstauglich miteinander verknüpft: Beispiele für falsche Anwendung werden der korrekten Anwendung gegenübergestellt.

Bislang konsultierte ich bei mikrotypografischen Fragen die 408 Seiten starke Detailtypografie von Friedrich Forssman und Ralf de Jong. Hier liegt allerdings der Schwerpunkt mehr auf der grafischen Gestaltung. Zudem listen die Autoren mögliche Varianten auf, ohne eine klare Empfehlung auszusprechen. Der „Turtschi“ ist schon allein durch seine „nur“ 248 Seiten handlicher. Weitgehende Vollständigkeit ist rühmenswert, kostet aber (zu) viel Bedenkzeit im Alltag. Ich setze bei der Arbeit am liebsten „schnell und gut“ in eins. Man kann das apodiktisch im positiven (mit guter Beweiskraft) wie im negativen Sinne (keinen Widerspruch duldend) nennen, aber ich nenne es pragmatisch – genau wie meine Kunden, die in aller Regel ebenfalls eine klare, vernünftig begründbare Lösung der Aufzählung von Varianten vorziehen.

Wenn man vorwiegend Forssman / de Jong zurate gezogen hat, ist im Vergleich dazu die Gestaltung des „Turtschi“ ein wenig gewöhnungsbedürftig. Trotz der zugrunde gelegten Systematik wirkt das Layout wegen der vielen unterschiedlichen Schriften und Schriftgrade zuweilen etwas unruhig, was die Orientierung an manchen Stellen erschweren mag.

Dennoch ist der „Turtschi“ inzwischen Dauergast auf meinem Schreibtisch und ich spüre deutlich, wie viel Zeit ich damit spare. Dank des Sach- und Wortregisters finde ich schnell die Antwort auf die mikrotypografischen Fragen, die sich bei der Lektoratsarbeit stellen. Der Band ist vom Format her handlich und bietet last, but not least für mich einen zusätzlichen Rückhalt, wenn von Kundenseite Fragen kommen – und das ist ebenfalls Gold wert.

Fazit: Auf dem Schreibtisch eines jeden Textarbeiters macht sich Zeichen setzen! sehr gut. Und wenn weitere Kooperationen des Lektorenverbands mit Experten für unseren Arbeitsalltag ebenfalls in solch ein großartiges Ergebnis münden, entsteht im Laufe der Zeit sicher ein Handapparat, quasi die Basis eines Curriculums für die Berufsausbildung zum Freien Lektor oder zur Freien Lektorin.

Website von Dr. Hildegard Mannheims und Profil im Lektorenverzeichnis

Die Ausgabe für Deutschland und Österreich (Euro 60,30) kann im Buchhandel oder online bestellt werden. Buchhandlungen und VFLL-Mitglieder erhalten bei der Bestellung über den Zeichen-setzen-Webshop einen Rabatt. Weitere Infos und Leseprobe für Mitglieder im internen Bereich der VFLL-Website.

Weiteres im Lektorenblog:
„Ein Projekt für alle, die mit einer Tastatur Texte verfassen“
Vom Aussterben bedrohtes Wissen gerettet