Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL)

 

Die deutsche Sprache – kein Grund zu verzweifeln

Auch wenn es zuweilen schwer auszuhalten ist: Missverständnisse, Unsicherheiten und Zweifel gehören zum Leben dazu. So ist es auch in der Schriftsprache: Alle, die schreiben, kennen das Gefühl, nicht sicher zu sein, ob dieses Wort oder jener Satz wohl richtig so ist.

Flüssig, richtig und verständlich schreiben ist eine Kunst, bei der so manche Regel zu beachten ist. Diese Regeln sind aber unglücklicherweise an so manchen Stellen nicht nur schwer zu verstehen, sondern auch so manches Mal inkonsistent. Dem half auch die Reform der Rechtschreibregeln im Jahre 1996 – also vor 22 Jahren – (natürlich) nicht ab und erfüllte damit die Erwartung so mancher nach eindeutigen und logischen Regeln nicht. Eindeutig und logisch war zwar auch die „alte“ Rechtschreibung nie – ganz im Gegenteil. So gab es nach alter Rechtschreibung, zum Beispiel, 52 inkonsistente Kommaregeln zu beachten. Nach der Reform sind es nun 33 Kommaregeln (laut Online-Duden), kennen sollte man 17 Regeln, Schülerinnen und Schüler müssen sieben beherrschen. Dennoch wird die Reform von 1996 bis heute von konservativen „Sprachhütern“ für alle heutigen Schreibweisenunsicherheiten verantwortlich gemacht. Die Schreibrealität sieht dabei schon ganz anders aus: Die meisten Änderungen sind inzwischen in den alltäglichen Schreibgebrauch übergegangen.

Es gibt jedoch noch genügend Probleme mit der korrekten Schreibweise. Zu den „typischen“ Verunsicherungen der „neuen“ Rechtschreibung gehören die Groß- und Kleinschreibung, die Auseinanderschreibung zusammengesetzter Wörter und die korrekte Setzung von Kommata. Diese und so manch andere Bruchstellen der Schriftsprache sind den „Sprachpraktikern“ – wie Sprachberatungsdiensten und Lektorinnen – bestens bekannt.

Mit einigen dieser typischen grammatischen Zweifelsfällen, semantischen Ambiguitäten und soziolinguistischen Uneindeutigkeiten beschäftigt sich das Büchlein von Johannes Wyss „Richtig oder falsch? Hitliste sprachlicher Zweifelsfälle“. Es ist aus einem Teil der Fragen der letzten 40 Jahre des Leserinnenkreises des „Sprachspiegels“, der Fachzeitschrift des Schweizerischen Vereins für die deutsche Sprache (SVDS), hervorgegangen.

Bei der Beantwortung der sprachlichen Zweifelsfälle wird löblicherweise einerseits Wert darauf gelegt, so wenig wie möglich grammatische Fachausdrücke zu verwenden, damit, wie Wyss im Vorwort schreibt, sich „auch Sprachinteressierte ohne Studium oder höhere Schulbildung [...] wohlfühlen“ und andererseits, dass bei allem Ernst der Humor nicht vergessen wird. Dazu tragen ganz wesentlich die augenzwinkernden Zeichnungen des schweizerischen Illustrators Tizian Merletti bei, der mit reduziertem Strich auf pointierte und witzige Weise illustriert.

Manche der „Gassenhauer“-Fragestellungen und deren Beantwortung mag im Einzelnen für Korrektorinnen und Lektoren nicht wirklich zu einem Erkenntnisgewinn führen, aber sie sind hier ja auch nicht das Zielpublikum dieses Buches. Ein Profi allerdings lernt natürlich niemals aus. Die Fragen-Klassiker – zum Beispiel die nach dem korrekten Bezug von Pronomen und Kasus, Kasusunsicherheiten bei Präposition, Apposition, Indikativ oder Konjunktiv, Kongruenz (Singular oder Plural) im Satz und zweiteiligen Subjekten, problematische Zeugma/Apokoinu und Satzstellungsproblematiken – können daher womöglich doch zur Auffrischung von Wissen beitragen. An so einigen Stellen gibt es zudem Erstaunliches zu erfahren. Besonders das Kapitel „M – Kleinere und grössere Bedeutungsunterschiede“ war für die Rezensierende erhellend.

In weiteren Kapiteln wird unter anderem auf eine sprachliche Besonderheit der deutschen Standardsprache, den Helvetismus, eingegangen, je ein Kapitel widmet sich dem Thema Standardsprache und Umgangssprache sowie dem Thema geschlechtergerechte Sprache.

Ein Glossar, Literaturverzeichnis, Sach- und Wortregister, ein Kurzporträt des Schweizerischen Vereins für die deutsche Sprache sowie ein paar Zeilen über Autor und Illustrator runden das sorgfältig gestaltete Büchlein ab.

Fazit:

Das Buch kann allen empfohlen werden, die sich ohne spezifische Vorkenntnisse linguistischer fachsprachlicher Ausdrücke für häufige Probleme und deren Lösung der deutschen Schriftsprache interessieren. Der Spagat zwischen fach- und „allgemeinsprachlicher“ Erläuterung scheint in der Regel gelungen, wenngleich sich die Rezensentin an einigen Stellen doch etwas weniger Umgangssprache gewünscht hätte. Aber wie Johannes Wyss zutreffend schreibt: „Zweifelsfälle sind eben Fälle, die nicht immer eindeutig sind und [sic] zum Nachdenken veranlassen.“

 

Johannes Wyss: Richtig oder falsch? Hitliste sprachlicher Zweifelsfälle. Hg. Schweizerischer Verein für die deutsche Sprache (SVDS), 2. Aufl., 176 Seiten, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2016, ISBN 978-3-03810-136-9

 

Erhältlich im Buchhandel, online zum Beispiel im Autorenwelt-Shop

 

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