Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL)

 

Es leben die Sprachen!

Es treibt ihn Sorge um und Leidenschaft: Seine geliebte deutsche Sprache ist in Gefahr. Und Zorn, weil „cool-aufgeklärte“ Journalisten und Linguisten seine düstere Zukunftsprognose von der verdrängten und verfallenden deutschen Kultursprache verächtlich machen wollen. Die Gefährdung geht aus vom „Globalesischen“, dem in alle Bereiche vordrängenden Englisch, und von Verantwortungsträgern, die blind sind für die Verteidigung ihrer Muttersprache, die wie jede andere Sprache der Welt als spezifischer Kultur-, Gedanken- und Wissensschatz unverzichtbar ist. Das ist der Kern von „Sprachdämmerung“ – Manifest und, in eigenen Worten, „sprachpolitische Abschiedsvorstellung“ des emeritierten Berliner Professors für Sprachwissenschaft Jürgen Trabant.

Jede Sprache enthält eine eigene Sicht der Welt

Der Inhalt, knapp und nicht chronologisch skizziert: Sprache, das sind nicht einfach arbiträre Zeichen, die in jeder Sprache für ein- und dieselbe objektive Sache stehen. Sprache ist damit kein beliebig durch eine andere Sprache ersetzbares Kommunikationsmittel. Sondern jede Sprache blickt unverwechselbar auf die Welt, erschließt sich ihre eigene Realität, formt das Denken ihrer Sprecher und wird wieder von deren Denken geformt: Jede Sprache ist damit eine „Variation des menschlichen Geistes“ und „generiert Denken“, ist eine eigene „Weltansicht“. Damit hat Trabant seine tiefste Begründung gefunden, warum das Deutsche – wie andere Sprachen – niemals von den verschiedenen gesellschaftlichen Bildflächen verschwinden darf.

Trabant führt tief in einen Jahrtausende umspannenden sprachphilosophischen Diskurs ein: Er selbst folgt vor allem Wilhelm von Humboldt, das Buch liest sich daher in Teilen wie ein kleines Humboldt-Seminar. Er geht zurück bis in die griechische Antike, zu Aristoteles und Sokrates, gegen deren Idee, Sprache sei „Kommunizieren universell gleicher Vorstellungen vermittels Zeichen“ (und damit austauschbar), er sich mit Humboldt und Gottfried Wilhelm Leibniz vehement wehrt.

Ein Sprach-Liberaler wehrt sich

Auch die Aufklärung und in deren Folge die Französische Revolution kommen gar nicht gut weg mit ihrer Sprachpolitik, die „niedere“ Sprache des Volkes wegen ihrer unwissenschaftlichen und nebulösen Semantik (Francis Bacon, John Locke) oder wegen ihres „falschen Denkens“ (intellektuelle Revolutionsführer) ausmerzen zu wollen. Während der Revolution setzte die Politik, so Trabant, zum ersten Mal eine große „Sprachwaschmaschine“ in Gang: Das „falsche“, von der Monarchie geprägte Denken sollte durch „richtiges“ Denken ersetzt werden.

Heute ist die „politische Sprachreinigung“ für ihn „zu einer permanenten Sprachrevolution geworden, zu einer Selbst- und Fremdzensur, die hinter der in ,1984’ nicht zurücksteht“. Ja, er wird polemisch – und nicht nur mit dem Verweis auf George Orwells dystopischen Roman, in dem ein totalitärer Überwachungsstaat die Wörter „reformieren“ will. Beispiele? Die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ nennt er zwar nicht mit Namen, aber bezieht sich doch recht eindeutig auf sie als „selbsternanntes deutsches Sprachreinheitsministerium“, die das „Wort des Jahres 2015“, nämlich „Flüchtling“, als „abschätzig für sprachsensible Ohren“ befunden hat. Oder wenn er sagt, dass die Berliner Verwaltung im öffentlichen Sprachverkehr das Gendern unter Strafandrohung anordne. Vorsicht vor der Schublade! Denn da kämpft beileibe kein Reaktionär, sondern ein Sprachliebhaber für „sprachliche Liberalität“ – mit dem Wissen um jene wechselvolle Sprachgeschichte in Europa und mit der Überzeugung, dass Worte schließlich nicht das Denken in Haft nehmen, weil es doch ohnehin ständig über sie hinausgeht. Also: Wer nicht gendern mag, ist noch lange kein Frauenfeind. Und wer „Flüchtling“ sagt, noch lange kein Fremdenfeind.

Sprachlicher Purismus geht ihm grundsätzlich ab: Das „Kiezdeutsche“ – „ich gehe Aldi“ – verteidigt er als Einstieg in die deutsche Hochsprache und den Akzent als liebenswertes Merkmal einer Sprach-Biografie. Die „fremden Wörter“ aber schätzt er nur bedingt, lieber will er die eigene Sprache kulturell höher- und weiterentwickeln.

Siegeszug des Englischen

Jürgen Trabant blickt in die Zukunft wie ein Klimaforscher: Wo stehen die Sprachen Europas in hundert Jahren? Er sagt: Marginalisiert durch das Englische, das den Kultur-, Wirtschafts-, Politik- und Wissenschaftsbetrieb als globales Einheits-Kommunikationsmittel dominiert, mangels Wertschätzung und Weiterentwicklung abgesunken auf das Niveau einer privaten Familiensprache – nur nicht in Frankreich und Spanien, die ihre eigenen Sprachen als wertvolles Kulturgut begreifen und verteidigen.

Dem immensen Vorteil, in einer globalisierten Welt durch gemeinsames Englisch reibungsarm wirtschaften, forschen und handeln zu können, hält er ein unpopuläres Mühsal entgegen: Die sprachliche Vielfalt, die „Glossodiversität“ bewahren, mehrere Sprachen lernen und sich ansonsten an möglichst gute Übersetzungen halten. Dabei ist er nicht so naiv zu glauben, dass sich eine globale Entwicklung aufhalten ließe. Aber nur ein vielsprachiges Europa könne, so zitiert Trabant den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, „die verschiedenen Aspekte Europas denken, ohne die Europa niemals ganz es selbst ist“.

Jenseits der Schubladen

Das Buch ist mehr als eine „Verteidigung“, wie der Untertitel glauben machen will. Es ist Streitschrift, leidenschaftliches Plädoyer, zornige Replik, frustrierte Bestandsaufnahme – und ist doch manchmal dezent hoffnungsvoll. Es fordert, irritiert, fasziniert, ärgert. Es ist eine sprachphilosophische, sprachpolitische und sprachhistorische Abhandlung, es ist ein Ländervergleich, autobiografisches Blitzlicht und manchmal auch zu sehr Report eigener Befindlichkeit.

Es entzieht sich groben Schubladen wie nationalistisch, reaktionär oder defätistisch, auch wenn Trabant all das hin und wieder öffentlich unterstellt wird. Was fast ein bisschen selbstverliebt wirkt, wie der häufige Bezug auf die eigene deutschsprachige Forschungsarbeit, die international betrachtet im Orkus verschwindet, oder die Selbstinszenierung als „Bundes-Sprach-Kassandra“ und damit als unverstandener Unheils-Prophet im eigenen Lande, wirft gleichzeitig ein Schlaglicht auf das Haifischbecken eines Wissenschaftsbetriebs. Selbstverliebt – oder stolze, trotzige Defensive und die Angst um das eigene wissenschaftliche Vermächtnis?

Kenntnisreich, bissig, meinungsfroh

So manche vorschnelle Schublade jedenfalls passt für ihn nicht und man sollte sich kein Urteil erlauben, bevor man das Buch zu Ende gelesen hat. Für Lektorinnen und Lektoren ist dieser Trabant kein Muss für den Berufsalltag, aber er liefert tiefes Hintergrundwissen, eine bissige, meinungsfrohe Einschätzung zur aktuellen Sprachpolitik und einen weiten Blick ins Gestern und Morgen unserer und anderer Sprachen. Da verzeiht man ihm auch manche inhaltliche Redundanz, ein paar deplatziert wirkende Klein-Kapitel und manchen philosophischen Gedankengang, der gut und gerne ein paar Beispiele mehr hätte vertragen können. Vor allem sein Kerngedanke von den Sprachen als „Weltansichten“ bleibt leider zu vage. Konkreteres hätte dem mehr Farbe und Griff verliehen, vor allem für Leser, die nicht mit sprachwissenschaftlichen Überlegungen vertraut sind.

 

Trabant, Jürgen: Sprachdämmerung. Eine Verteidigung. München: C.H.Beck, 2020. 240 Seiten, Hardcover, 29,95 Euro (als e-Book 22,99 Euro), ISBN 978-3-406-75015-1

 

Online erhältlich zum Beispiel im Autorenwelt-Shop und bei buch7.de.

 

Eva Heuser: Lektorats-Website www.textkodex.de und journalistischer Blog www.zweikoepfe.net,
Profil im VFLL-Verzeichnis lektor-in-finden.de