Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL)

 

Von galley slaves und make up editors – Wörterbuch für Druck und Medien

Die Welt rückt zusammen. Die Welt spricht Englisch. Das gilt für die Welt der Medien, das gilt für die vielen Produktionsprozesse und Dienstleistungen, die sich rund um das Buch abspielen. Und jeder, der schon einmal als Producer, Übersetzerin oder Redakteur mit einem nichtdeutschen Dienstleister zu tun hatte oder vielleicht mit einem Satzprogramm arbeiten muss, das nur angelsächsischen Befehlen gehorcht, kommt um die Erkenntnis nicht herum: Mit dem eigenen Schul- und Universitätsenglisch kommt man nicht weit. Wer weiß schon, dass Beschnittmarke auf Englisch cutting mark heißt und man es bei einem make up editor mit einem Umbruchredakteur zu tun hat?

Ehe man aber in den Weiten des Internets fischt, greift man vielleicht lieber auf das entzückende, ungemein handliche Fachwörterbuch Druck & Medien: Englisch – Deutsch, Deutsch – Englisch zurück. Die Urheber sind in diesem Fall die Lehrenden und Studierenden der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig, genauer: des Fachbereichs Buch- und Medienproduktion. Ein Bachelor-Studiengang, der in den Herstellungsabteilungen der Verlage ein hohes Renommee genießt. Denn gleichgültig, ob als Absolventin oder Praktikant: Die Ausbildung ist so praxisnah ausgelegt, dass selbst angehende oder frischgebackene Hersteller ohne große Einarbeitung im Verlagsworkflow mitschwimmen können.

Augenschmaus und Handschmeichler

Dass hier Macher am Werk waren, die ihr Geschäft lieben und verstehen, merkt man dem Ergebnis sofort an. Das kleine Büchlein ist haptisch und visuell ungemein ansprechend. Vom flexiblen Leineneinband über das angenehm glatte und getönte Papier bis hin zur lesefreundlichen Schrift und farblichen Gestaltung – handwerklich stimmt hier einfach alles. Und das ist durchaus kein Selbstzweck: Mit diesem Wörterbuch, das schnell zur Hand ist, kaum Platz wegnimmt, ist man allemal fixer als mit dem Smartphone oder mit dem Computer. Die Affinität zur Praxis, die hier sicht- und fühlbar zum Ausdruck kommt, ist eine der großen Stärken, leider aber auch eine der Schwächen dieses Nachschlagewerks.

Starker Inhalt, knappe Info

Das Werk versammelt auf 476 Seiten eine beeindruckende Stichwortanzahl, wobei 10.000 deutsche 11.000 englischen Stichwörtern gegenüberstehen. Unterbrochen werden die Abschnitte von einem kurzen zweisprachigen Illustrationsteil, der den Produktionsprozess eines Buchs vom Satz bis zum Vertrieb nachzeichnet. Dabei muss sich der Benutzer über eines im Klaren sein: Das Wörterbuch ist ein reines „Übersetzungstool“, Erklärungen zu den Stichwörtern fehlen. Nur Bereichszuordnungen sind, wo Missverständnisse drohen, in Klammern beigefügt, z. B. bei typischen Metaphern der Druckersprache: „Fleisch (Typografie)“.

Wer das Nachschlagewerk durchblättert, ist vom terminologischen Einzugsbereich beeindruckt: Grundbegriffe der Geschäftskorrespondenz finden sich ebenso wie Termini der verschiedenen Stadien der Druckproduktion. Auch Fachausdrücke aus Satz, Lektorat und Buchhandel fehlen nicht. Wobei der Schwerpunkt eindeutig auf der Technologie rund um Papier, Druck und Verpackung liegt. Sei es nun glänzendes oder kreidebeschichtetes Papier, Altar- oder Wickelfalz, Blattausreißtest oder Klappdeckelschachtel: Die Fülle der einschlägigen Ausdrücke erscheint fast unerschöpflich. Netterweise kommt auch der Humor nicht zu kurz: Wer hätte gedacht, dass der Druckergehilfe im Englischen the devil’s hand gerufen wird und dass Zeitungssetzer früher als galley slaves verspottet wurden (galley steht im Englischen sowohl für die Galeere als auch für das Satzschiff bzw. den Satzabzug). Doch spätestens bei Stichwörtern wie Zeitungsverkäufer (news vendor) oder Berufsleben (work life) stellt sich der Leser doch die Frage, welche Konzeption dem Stichwortbestand eigentlich zugrunde liegt.

Da seufzt der Typograf

Tatsächlich flaut die Stichwortdichte jenseits der Bereiche Druck, Verpackung, Vertrieb merklich ab. Natürlich kann ein Spezialwörterbuch nicht jedes Stöckchen apportieren. Aber schon im Bereich Satz offenbart sich manch fühlbare Lücke: Der Schriftschnitter ist vorhanden, der Schriftschnitt jedoch fehlt. Die Marginalie findet sich, bei Marginalspalte läuft die Suche ins Leere. Besonders bei den Diakritika zeigt sich, dass der Stichwortbestand nicht immer systematisch erhoben wurde: Den Accent grave findet man nur unter Gravis, sein Gegenstück, den Accent aigu, dagegen nicht einmal unter Akut. Die Cedille ist aufgeführt, der Hatschek fehlt, dito die Tilde.

Nicht immer sind die Übersetzungen ins Englische zielführend. Dass der Gedankenstrich korrekt mit dash übersetzt, zugleich als englisches Synonym aber auch hyphen (Bindestrich) angegeben wird, lässt den Typografen dann doch ratlos zurück.

Alte oder neue Medien?

Auch erscheint das Wort Medien im Buchtitel als Inhaltsversprechen bisweilen etwas hoch gegriffen, zumindest, wenn man darunter die neuen Medien verstanden wissen will. Angefangen damit, dass das Stichwort Cross Media zwar vorhanden ist, zugleich Begriffe wie plattformunabhängig oder medienneutral fehlen, offenbaren sich weitere Schönheitsfehler. Stichwörter aus der E-Book-Produktion sind Mangelware: Containerdatei etwa sucht man vergeblich. Unter den Essentials zur Formatierung ist margin vorhanden. Zu padding, das im CSS-Boxenmodell für den Innenabstand steht, findet sich ärgerlicherweise nur die Übersetzung Blockleimung. Dass ein Stichwort wie Betriebssystem (was immer sich die Autoren darunter vorstellen mögen) mit operation unit übersetzt wird, das im Englischen gefühlt für so ziemlich alles stehen kann (z. B. Arbeits-, Überwachungs- oder Bedieneinheit), trägt nicht unbedingt zur Völkerverständigung bei.

Lob verdient dagegen die Idee, geläufige Befehle der Satzprogramme mit aufzunehmen. Allerdings erscheint auch hier die Auswahl nicht immer glücklich: So ist QuarkXPress gegenüber dem gängigeren InDesign deutlich überrepräsentiert. Und ob Stichwortartikel wie XTensions Manager (Übersetzung: XTensions Manager) wirklich sinnvoll sind – nun ja.

Fazit

Keine Frage, für die Druckerin oder den Hersteller gehört dieses Wörterbuch unbedingt auf den Schreibtisch. Doch je mehr sich der Tätigkeitshorizont weitet, desto lückenhafter und leider auch unsystematischer wird das Angebot an Stichwörtern. Hier sei den engagierten Autorinnen und Autoren eine Systematisierung und Modernisierung des Stichwortbestands ans Herz gelegt. Aber allen Kritteleien zum Trotz: Auch der Producer, die international tätige Lektorin oder der Übersetzer können – mit kleineren Einschränkungen – ihren Nutzen aus dem Büchlein ziehen. 14,95 Euro sind für dieses praktische Nachschlagewerk sicherlich nicht zu viel. Wer weniger Geld ausgeben möchte, kann sich auch die entsprechende App für 2,99 Euro auf das Smartphone laden, wird dann aber dieses Schmuckstück der Schwarzen Kunst auf seinem Schreibtisch missen.

HTWK Leipzig: Fachwörterbuch Druck & Medien: Englisch – Deutsch, Deutsch – Englisch. Leipzig: Verlag Buch- und Medienproduktion. 4., aktualisierte Auflage 2015, 472 Seiten. Leinen, 14,95 Euro, ISBN: 978-3-9817591-0-5.

Erhältlich als Buch oder als App für Android und Apple, im Buchhandel oder direkt bei der HTWK Leipzig

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