Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL)

 

Textsorte

Was will oder soll oder kann ein Text bewirken? Welche Funktion hat er in welcher Situation? Von wem kommt er, für wen ist er gedacht? Ist er schon in sich Handlung oder ist er erst mal nur da? usw. usf. Ein Brief ist etwas anderes als ein Kochrezept, eine Gebrauchsanweisung etwas anderes als ein Witz, ein Roman etwas anderes als eine Dissertation, eine Ausreiseerlaubnis etwas anderes als ein Chat.

Textsorten können sich schon rein äußerlich z. B. durch Länge und Form unterscheiden. Viele Textsorten haben leicht erkennbar eine ihnen eigene Sprache. In einem Werbespot dürfen Sie auch mal geholfen werden, in allen anderen Textsorten ginge das allenfalls als Zitat.

In welcher Textsorte geschrieben wird, kann erhebliche rechtliche Auswirkungen haben. So sollten die Beschreibungen und Behauptungen in einer Reportage Fakten in der realen Welt wiedergeben, andernfalls kann das als Betrug gewertet werden. In einer Kurzgeschichte dagegen muss nichts auf Fakten beruhen. Schreibt eine Person aus Anlass eines Strafprozesses ein Urteil mit angemessenem Strafmaß und juristisch einwandfreier Begründung, so ist es dennoch nichts weiter als eine schöne Fingerübung, wenn die Person nicht die zuständige Richter*in ist.

Nicht jeder Text lässt sich auf Anhieb eindeutig einer Textsorte zuordnen oder auf eine einzige reduzieren. Aber zu jedem Text sind die Fragen des wer, wie, was, für wen usw. zu stellen. Nur dann kann man dem Text und den an ihn gestellten Erwartungen gerecht werden.

Selbstverständlich lässt sich mit dem Textsortenwissen, das die meisten Menschen bewusst oder intuitiv haben, auch wunderbar spielen: eine Predigt in Form eines Gesetzestextes, ein Backrezept als Comic, eine Wegbeschreibung als Gedicht.

Angelika Pohl, www.Lektorat-Zugang.de

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